Liebe, Hoffnung und Weisheit

Veröffentlicht von Michaela Nikl (michaela) am Jul 15 2016
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Die Weisheit war unterwegs, um ihrer treuen Freundin der Liebe einen Besuch abzustatten. Zu lange schon hatte sie sich hinter Büchern und in letzter Zeit auch immer mehr im Internet vergraben, um das zu sein, was man von ihr erwartete. So waren die Jahre vergangen, die Zeiten hatten sich geändert und sie merkte, dass ihr die alte Freundin fehlte. Immer wieder hatte sie Ausreden gefunden, um die eigenen Wände nicht verlassen zu müssen, doch nun musste sie sich eingestehen, dass ihr die Innigkeit und die Nähe der Liebe abgingen, ja sie sehnte sich nahezu nach dem Strahlen und dem Wohlwollen, das sie beide immer verbunden hatte. Doch es war gar nicht so einfach die alte Freundin wieder zu finden, war doch eine geraume Zeit vergangen und die Liebe mehrmals umgezogen. Doch wer nicht, wenn die Weisheit konnte ahnen, wohin es sie verschlagen hatte. Zuletzt hatte sie von einem Pärchen auf Stiege 7 gehört, dass die Liebe ihnen einen Besuch abgestattet hätte, doch als sie an die Tür klopfte, hörte die Weisheit nur lautes Gebrüll – nein hier konnte die Liebe nicht mehr sein. Die guten Leute konnten ihr nicht sagen, wo die Liebe geblieben war, zu sehr waren sie in ihren Streit vertieft.

 

Ratlos wanderte die Weisheit davon. Als sie so eine Zeit lang gegangen war, traf sie auf einen alten Mann, der gebrechlich auf seinen Stock gestützt war. Die Weisheit fragte, ob er die Liebe gesehen hätte. Da begannen die Augen des Alten zu leuchten: „Die Liebe“, sagte er verträumt, „Ja, das ist lange her. Ich kannte sie gut, sie hat mir durch manch schwierige Situation geholfen, ohne sie wäre ich ohne Hoffnung gewesen. Die beiden waren ein gutes Gespann, denn ohne Liebe und ohne Hoffnung kann der Mensch nicht sein, was er ist. Wenn Du die Hoffnung findest, kann die Liebe nicht weit sein. Ich bin alt und habe beides verloren, doch Danke, dass Du mich an die schönen Zeiten erinnert hast“, sprachs und wanderte davon.

 

Ja, die Hoffnung, auf sie hatte die Weisheit vergessen, vielleicht, weil sie manchmal ein kleinwenig eifersüchtig war, wenn Liebe und Hoffnung die Menschheit glücklich machten und so auf die Weisheit vergaßen, die dann schmollend in einer Ecke saß. Damals war sie noch keine allumfassende Weisheit, denn sonst hätte sie gewusst, wie kindisch ihr Verhalten war und wie gut die Zusammenarbeit hätte sein können.

Traurig setzte sie sich an den Wegesrand, ja was wären das für Zeiten gewesen, wenn die Menschen an Hoffnung und Liebe geglaubt und die Weisheit als Draufgabe bekommen hätten. Nie hatte sie gewagt sich den beiden anzuschließen und so wünschte sich die Weisheit inständig, die Zeit noch einmal zurückzudrehen.

 

Plötzlich färbte sich der Himmel grün und es erschienen kleine rosa Wölkchen, die sich zu einer einzigen verdichteten und die Weisheit in einer innigen Umarmung einschlossen. Als die Weisheit beglückt in den grünen Himmel der Hoffnung blickte, sagte die Liebe zur ihr: „Ich habe die Hoffnung nie aufgegeben, dass Du unsere wahre Bestimmung erkennst. Nun, hier sind wir, um gemeinsam die Menschheit zu retten.“

 

Zuletzt geändert am: Jul 15 2016 um 10:51 PM

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